Von Nico Wirtz, Chefredakteur MARES.
Ich muss zugeben, ich habe eine Schwäche für Lebensmittel-Startups. Nicht nur, weil ich selbst ein hoffnungsloser Foodie bin, sondern weil da extrem viel Leidenschaft drin steckt, und Innovation mit allen Sinnen erlebbar wird. Und um ein Erlebnis geht es schließlich zuallererst beim Kauf-Impuls. Wer also die Food-Trends und damit frische Erlebnisse von morgen in seinen Regalen haben will, muss heute die richtigen Gründer fördern. Mit dem bundesweiten Rollout der REWE Startup-Lounge katapultiert sich der Kölner Lebensmittelriese nun endgültig in die Champions League der Startup-Förderer. Ein cleverer Schachzug, der zeigt: Im Supermarkt der Zukunft geht es nicht nur um Preise, sondern um Pioniergeist.
Von der Kölner Erfolgsgeschichte zum bundesweiten Sprungbrett
Was ursprünglich als regionales Format bei REWE Süd begann, hat sich zu einem effektiven Inkubator der deutschen Food-Szene entwickelt. Die REWE Startup-Lounge – ursprünglich ein lokales Format zur Vernetzung von Food-Startups mit dem Handelsriesen – geht jetzt deutschlandweit in die Offensive. Und das ist verdammt clever. REWE zeigt damit in vorderster Reihe, wie glaubwürdige Startup-Förderung aussieht: pragmatisch, zielorientiert und mit echtem Mehrwert für beide Seiten.
Der Kern des Konzepts bleibt dabei erfrischend unkompliziert: Food-Startups pitchen ihre Produkte, bekommen direktes Feedback von REWE-Einkäufern und – das ist der Jackpot – im Erfolgsfall einen Platz im Sortiment. Keine endlosen Meetings, keine komplizierten Bewerbungsprozesse, sondern eine direkte Verbindung zwischen innovativen Gründern und dem Massenmarkt.
Ein Blick hinter die Kulissen: So funktioniert die Startup-Lounge
Die REWE Startup-Lounge ist im Kern ein Matching-Event – ein bisschen „Höhle der Löwen“, nur mit direktem Weg ins Marktregal, und ohne Anteile abzugeben. Startups bekommen die Chance, ihre Innovationen vor den Entscheidern zu präsentieren, die tatsächlich den Einkaufsbutton drücken können.
Der Ablauf ist dabei erfreulich unkompliziert: Junge Unternehmen bewerben sich, die vielversprechendsten werden eingeladen und erhalten Pitch-Slots. Die REWE-Einkäufer geben direktes Feedback – manchmal schonungslos ehrlich, aber immer konstruktiv. Und das Beste: Es geht nicht nur um nette Gespräche, sondern um konkrete Listungsentscheidungen.
Für die Startups bedeutet das mehr als nur Regalfläche. Sie erhalten Zugang zu einem der größten Vertriebskanäle Deutschlands, wertvolles Markt-Feedback und die Chance, mit einem namhaften Partner zu skalieren. REWE wiederum frischt sein Sortiment auf, bindet innovative Lieferanten frühzeitig und positioniert sich als progressiver Player im Markt.
Die Erfolgsbilanz spricht für sich: Dutzende Startups haben bereits den Sprung ins REWE-Sortiment geschafft – von pflanzlichen Proteinprodukten über innovative Fertiggerichte bis hin zu nachhaltigen Verpackungslösungen.
„Hinzu kommt, dass die Start-up-Produkte gebündelt präsentiert werden, alle drei Monate über neue Produktinnovationen entschieden wird, und erfolgreiche Produkte bundesweit in allen REWE-Centern eingeführt werden,“ erklärt Selda Morina, die seit August 2025 „Head of Start-up Lounge National“ ist und als zentrale Ansprechpartnerin für die bundesweite Initiative fungiert.
Die heimlichen Gewinner: Konsumenten und das Food-Ökosystem
Der offensichtliche Vorteil für REWE liegt auf der Hand: frische Produkte, Differenzierung vom Wettbewerb und ein progressives Image. Aber die wahren Profiteure sitzen an anderen Stellen.
Zum einen die Konsumenten, die Zugang zu Produkten bekommen, die sonst vielleicht nie den Weg in den Massenmarkt gefunden hätten. Wer vor zehn Jahren Hafermilch oder Protein-Riegel suchte, musste spezialisierte Läden aufsuchen. Heute sind diese Produkte Mainstream – nicht zuletzt, weil Handelsketten wie REWE frühzeitig auf Innovatoren gesetzt haben.
Zum anderen gewinnt das gesamte Food-Startup-Ökosystem. Der Weg von der Produktidee in den Supermarkt ist traditionell steinig und lang. Formate wie die Startup-Lounge verkürzen diesen Prozess dramatisch und senken die Markteintrittsbarrieren. Das bedeutet: Mehr Gründer wagen den Schritt, mehr Investoren werden auf den Sektor aufmerksam, und die Innovationsdynamik beschleunigt sich.
Die Herausforderungen des Sprungbretts: Nicht jeder schafft den Absprung
Bei all dem Enthusiasmus sollten wir nicht vergessen: Die REWE Startup-Lounge ist kein Wohlfühlprogramm für Gründer mit netten Ideen, sondern ein knallhartes Business-Format. Der Weg vom erfolgreichen Pitch zur dauerhaften Listung ist mit Herausforderungen gepflastert, an denen viele Startups scheitern.
Die typischen Stolpersteine: unzureichende Produktionskapazitäten, mangelnde Skalierbarkeit, Probleme bei der Einhaltung von Qualitätsstandards und – ganz profan – Preisstrukturen, die im Massenmarkt nicht funktionieren. Während ein hippes Food-Startup mit handgefertigten Produkten in Berlin-Mitte Premiumpreise durchsetzen kann, gelten im bundesweiten Supermarktregal andere Gesetze.
Für REWE bedeutet die Ausweitung der Startup-Lounge auch ein erhöhtes Risiko: Je mehr junge Unternehmen ins Programm kommen, desto höher die Wahrscheinlichkeit von Lieferengpässen oder Qualitätsproblemen. Hier braucht es ein kluges Risikomanagement und realistische Erwartungen auf beiden Seiten.
Der Vergleich: Wie schlägt sich REWE gegen andere Handelsriesen?
REWE ist keineswegs der einzige Lebensmittelhändler, der den Startup-Zug besteigen will. Fast alle großen Player haben inzwischen entsprechende Initiativen gestartet – von Edeka über Kaufland bis hin zu Aldi und Lidl.
Der Unterschied liegt im Ansatz. Während manche Wettbewerber auf reine Accelerator-Programme setzen oder gleich ganze Startups akquirieren, hat REWE einen pragmatischen Mittelweg gewählt: Die Startup-Lounge ist niedrigschwellig, aber ergebnisorientiert. Keine monatelangen Förderprogramme, sondern direkte Geschäftsanbahnung.
Besonders interessant: REWE verzichtet darauf, Eigentumsanteile an den Startups zu erwerben. Das unterscheidet sie von Handelsriesen wie Metro, die mit ihrem Accelerator-Programm oft auch Minderheitsbeteiligungen anstreben. Der REWE-Ansatz lässt den Gründern mehr Freiheit und vermeidet potenzielle Interessenkonflikte.
Von regionalen Helden zu nationalen Champions: Die Skalierungsfrage
Mit der bundesweiten Ausrollung der Startup-Lounge betritt REWE Neuland. Was in Köln funktioniert hat, muss nicht zwangsläufig in München, Hamburg oder Berlin klappen. Die regionalen Food-Kulturen in Deutschland sind überraschend divers – was im Rheinland begeistert, kann in Bayern auf Schulterzucken stoßen.
Die spannende Frage wird sein, ob REWE hier einen einheitlichen Ansatz wählt oder regionale Anpassungen vornimmt. Idealerweise könnte das Format genutzt werden, um lokale Food-Startups zu fördern und so regionale Sortimentsunterschiede zu schärfen.
Eine weitere Herausforderung liegt in der Logistik. Während ein Kölner Startup problemlos die REWE-Märkte im Rheinland beliefern kann, wird die bundesweite Distribution zur echten Aufgabe. Hier sind kreative Lösungen gefragt – vielleicht in Form von regionalen Testmärkten oder gestaffelten Einführungsphasen.
Die Startup-Perspektive: Was bringt die REWE-Partnerschaft wirklich?
Für Food-Startups klingt die REWE-Listung wie der heilige Gral. Doch ist sie das wirklich? Die Antwort ist: Es kommt darauf an.
Für Startups in der Wachstumsphase, die ihre Produktionskapazitäten bereits hochgefahren haben, kann der Zugang zu REWEs Regalflächen der entscheidende Schritt zur Skalierung sein. Die Reichweite ist enorm, die Markenbekanntheit steigt sprunghaft, und plötzlich werden auch andere Händler aufmerksam.
Für sehr junge Startups hingegen kann die frühe Listung bei einem Großhändler zum Bumerang werden. Die Anforderungen an Lieferfähigkeit, Qualitätssicherung und Preisgestaltung sind hoch. Wer hier nicht liefern kann, verbrennt schnell seinen guten Ruf – nicht nur bei REWE, sondern in der gesamten Branche.
Der klügste Weg führt oft über eine gestaffelte Expansion: erst lokale Biomärkte und Spezialitätengeschäfte, dann regionale Supermarktketten, und erst wenn die Prozesse stabil laufen, der Sprung zum nationalen Player. Die REWE Startup-Lounge kann in jeder dieser Phasen ein wertvoller Touchpoint sein – sei es für Feedback in der Frühphase oder als Vertriebskanal in der Wachstumsphase.
Digitale Dimension: Wie die Startup-Lounge den Online-Handel befruchtet
Ein oft übersehener Aspekt der REWE Startup-Lounge ist die Brücke zum E-Commerce. REWE gehört zu den Pionieren im Online-Lebensmittelhandel in Deutschland – und innovative Produkte spielen hier eine noch größere Rolle als im stationären Handel.
Online-Shopper sind typischerweise experimentierfreudiger, jünger und weniger preissensitiv als der Durchschnittskunde im Markt. Die perfekte Zielgruppe also für innovative Food-Startups. Durch die Integration der Startup-Produkte in den Online-Shop erschließt REWE nicht nur neue Zielgruppen, sondern schafft auch wertvolle Datenquellen zur Marktakzeptanz.
Besonders spannend: Im Gegensatz zum begrenzten Regalplatz im stationären Handel sind die Kapazitäten online nahezu unbegrenzt. Hier können auch Nischenprodukte eine Chance bekommen, die es im regulären Markt schwer hätten. Eine Win-win-Situation für REWE und die Startups.
Was andere Branchen von der REWE Startup-Lounge lernen können
Das Format der REWE Startup-Lounge ist im Kern übertragbar – und könnte auch in anderen Branchen funktionieren, die unter Innovationsstau leiden. Besonders traditionelle Sektoren wie Möbelhandel, Baumärkte oder Drogeriemärkte könnten von ähnlichen Ansätzen profitieren.
Die Schlüsselelemente dabei: niedrigschwelliger Zugang für Innovatoren, direkte Verbindung zu Einkaufsentscheidern und eine klare Win-win-Perspektive. Was nicht funktioniert: komplizierte Bewerbungsprozesse, langwierige Auswahlverfahren und unverbindliche „Gespräche“.
Auch die Skalierung von regional zu national liefert wertvolle Lektionen. Statt gleich bundesweit zu starten, hat REWE das Format erst in Köln perfektioniert – und rollt es jetzt mit bewährten Prozessen aus. Dieses „kontrollierte Experiment“ minimiert Risiken und maximiert die Erfolgswahrscheinlichkeit.
Der Innovationsturbo: Warum die Startup-Lounge mehr als ein PR-Gag ist
Skeptiker könnten die REWE Startup-Lounge als geschickten PR-Move abtun. Doch die Realität zeigt: Hier geht es um handfeste Geschäftsinteressen und strategische Weichenstellungen.
In einer Zeit, in der Konsumenten zunehmend nach Authentizität, Transparenz und Innovation verlangen, kann kein Lebensmittelhändler es sich leisten, auf der Stelle zu treten. Die traditionellen Produktentwicklungszyklen der großen Hersteller sind oft zu langsam, um auf schnell wechselnde Trends zu reagieren. Startups füllen diese Lücke – mit Agilität, Mut und oft auch mit einer überzeugenden Nachhaltigkeitsagenda.
Für REWE bedeutet die Zusammenarbeit mit Startups auch einen kulturellen Gewinn. Der Kontakt mit Gründern bringt frischen Wind in die eigene Organisation, inspiriert die Mitarbeiter und kann sogar die interne Innovationskultur befruchten. Ein klassischer Fall von Osmose: Die Startup-DNA diffundiert langsam in den Konzern und katalysiert dort Veränderungsprozesse.
Zukunftsausblick: Wohin entwickelt sich die REWE Startup-Lounge?
Die bundesweite Expansion der REWE Startup-Lounge ist erst der Anfang. Wohin könnte die Reise weitergehen? Drei Szenarien erscheinen plausibel:
Erstens: Die internationale Dimension. REWE ist nicht nur in Deutschland aktiv, sondern in zahlreichen europäischen Ländern. Eine europaweite Startup-Lounge könnte grenzüberschreitende Food-Innovationen fördern und REWE zum Innovationsführer in Europa machen.
Zweitens: Die thematische Vertiefung. Statt alle Food-Startups über einen Kamm zu scheren, könnten spezialisierte Lounges für Bereiche wie Plant-based, Convenience oder Nachhaltigkeit entstehen. Dies würde zielgerichtetere Matchings ermöglichen und die Erfolgsquote weiter steigern.
Drittens: Die digitale Erweiterung. Eine permanente virtuelle Startup-Lounge könnte den physischen Event ergänzen – mit laufenden Pitching-Möglichkeiten, digitalem Feedback und einer Community-Komponente für den Austausch zwischen den Startups.
Mehr als nur Listung: Die vielfältigen Vorteile für Food-Startups
Obwohl die Listung bei REWE oft als Hauptgewinn gilt, bietet die Startup-Lounge den teilnehmenden Gründern noch weitaus mehr:
Direktes Marktfeedback von Profis, die täglich mit Konsumentenwünschen konfrontiert sind. Dieses ungefilterte Feedback ist Gold wert – selbst wenn es zunächst wehtut.
Branchenkontakte, die weit über REWE hinausgehen. Die Veranstaltungen ziehen regelmäßig Investoren, Branchenexperten und Medienvertreter an – ideale Networking-Gelegenheiten für ambitionierte Gründer.
Einblicke in die Denk- und Arbeitsweise eines Großkonzerns. Wer verstehen will, wie Einkaufsentscheidungen bei Handelsketten getroffen werden, erhält hier wertvolle Insider-Perspektiven.
Nicht zuletzt: Sichtbarkeit und PR. Die Teilnahme an der REWE Startup-Lounge ist ein Gütesiegel, das bei anderen Handelspartnern, Investoren und Medien Türen öffnen kann.
Warum ist das wichtig?
Die bundesweite Expansion der REWE Startup-Lounge markiert einen bedeutenden Wendepunkt in der deutschen Lebensmittelbranche – und das aus drei entscheidenden Gründen:
1. Die Demokratisierung der Supermarktregale hat begonnen. Was früher ein geschlossener Club für etablierte Marken und Großkonzerne war, öffnet sich zunehmend für innovative Newcomer. Dies bedeutet mehr Vielfalt, schnellere Innovationszyklen und letztlich eine bessere Anpassung an Konsumentenwünsche.
2. Der Wettbewerb um die besten Food-Innovationen verschärft sich. Mit REWE als aktivem Player im Startup-Ökosystem müssen auch andere Handelsketten nachziehen. Dies führt zu einem regelrechten „Wettrüsten“ um die vielversprechendsten Food-Startups – mit besseren Konditionen und mehr Unterstützung für Gründer.
3. Die Grenzen zwischen Startup-Welt und etabliertem Handel verschwimmen. Statt als Gegensätze funktionieren beide Welten zunehmend als symbiotisches Ökosystem: Startups liefern Innovation und Agilität, Handelsketten bieten Reichweite und Skalierungsmöglichkeiten. Diese Symbiose könnte zum Modell für andere Branchen werden.
handelsblatt.com – Wie REWE mit einer Startup-Lounge Food-Innovationen fördert (Florian Kolf)
lebensmittelzeitung.net – REWE Startup-Lounge geht bundesweit auf Tour (Redaktion LZ)
deutsche-startups.de – REWE Startup-Lounge expandiert bundesweit (Alexander Hüsing)
lebensmittelpraxis.de – Rewe startet bundesweite Start-up-Plattform (01.08.2025)
lebensmittelzeitung.net – Rewe rollt Startup-Lounge deutschlandweit aus (01.08.2025)
horizont.net – Rewe rollt Startup-Lounge deutschlandweit aus (01.08.2025)