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Warum Europas vermeintliche Schwäche im Tech-Wettlauf seine größte Stärke ist

Europas F&E-Investitionen wachsen langsamer als in den USA und China – doch spezialisierte Nischentechnologien wie ASML-Lithographiesysteme schaffen strategische Abhängigkeiten Während USA und China auf Dominanz setzen, könnte Europas Stärke in Resilienz, gegenseitigen Abhängigkeiten und regulatorischen Standards liegen Die europäische Fehlerkultur und dezentralisierte Forschungslandschaft bieten Wettbewerbsvorteile, die im globalen Tech-Rennen unterschätzt werden
  • Europas F&E-Investitionen wachsen langsamer als in den USA und China – doch spezialisierte Nischentechnologien wie ASML-Lithographiesysteme schaffen strategische Abhängigkeiten
  • Während USA und China auf Dominanz setzen, könnte Europas Stärke in Resilienz, gegenseitigen Abhängigkeiten und regulatorischen Standards liegen
  • Die europäische Fehlerkultur und dezentralisierte Forschungslandschaft bieten Wettbewerbsvorteile, die im globalen Tech-Rennen unterschätzt werden

Der Blick auf die nackten Zahlen ernüchtert: Europas F&E-Investitionen stiegen seit 2019 um 32 Prozent, während die USA um 69 Prozent und China um 54 Prozent zulegen konnten. Zwischen 2019 und 2023 meldete China 1,7-mal mehr Hightech-Patente als die USA und 7,6-mal mehr als Europa. Doch diese Statistiken erzählen nur die halbe Geschichte. Europa verfügt über Stärken, die in der öffentlichen Debatte systematisch übersehen werden – und die sich als entscheidende Wettbewerbsvorteile erweisen könnten.

Die Macht der strategischen Engpässe

Das niederländische Unternehmen ASML produziert Lithographiesysteme für die Halbleiterproduktion. Ohne diese Technologie können weder TSMC noch Nvidia ihre Chips herstellen. Dieser strategische „Chokepoint“ zeigt, wie Europa mit gezielter Spezialisierung Abhängigkeiten schafft, die weit wirksamer sein können als der Versuch, in allen Bereichen zu dominieren.

Während US-Unternehmen 2017 etwa 274 Milliarden Euro in F&E investierten – so viel wie die EU und China zusammen – konzentrierte sich Europa auf Bereiche wie Industrieautomation und Leistungshalbleiter. Diese Fokussierung auf Mittel-Hightech-Industrien wird oft als Schwäche interpretiert. Tatsächlich schafft sie aber Expertise in Sektoren, die für die globale Produktionsinfrastruktur unverzichtbar sind.

Resilienz statt Dominanz als Geschäftsmodell

China und die USA verfolgen unterschiedliche, aber ähnlich aggressive Strategien: Die USA wollen den gesamten KI-Stack vom ersten bis zum letzten Schritt kontrollieren – Hardware, Daten, Algorithmen und Anwendungen. China setzt auf Infrastrukturprojekte wie die Neue Seidenstraße und kontrolliert große Anteile beim Abbau und der Verarbeitung Seltener Erden.

Europa dagegen könnte auf gegenseitige Abhängigkeiten setzen. Statt zu versuchen, in allen Bereichen führend zu sein, geht es darum, in kritischen Technologien unverzichtbar zu werden. Diese Strategie erfordert weniger Kapital als ein Dominanzstreben, schafft aber langfristige Wettbewerbsvorteile. Arndt Heinrich, Partner bei Kearney, formuliert es so: „Das technologische Potenzial Europas steht außer Frage, doch seine Fähigkeit, zu skalieren und wettbewerbsfähig zu sein, möglicherweise schon.“

Wenn Regulierung zum Exportschlager wird

China und die USA richten lokale „Spielwiesen“ ein – begrenzte Gebiete, in denen neue Technologien ohne direkte Regulierung ausprobiert werden können. In Deutschland und Europa besteht dagegen die Tendenz, schnell zu regulieren. Dies wird oft als Innovationsbremse kritisiert.

Doch diese regulatorische Vorreiterrolle könnte sich als Wettbewerbsvorteil erweisen. Europas Priorität für Dekarbonisierung wird durch den Kohlenstoff-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) und Kohlenstoffbepreisung durchgesetzt. Wenn sich diese Standards global etablieren, haben europäische Unternehmen einen Vorsprung bei der Anpassung. Die Arbeitsproduktivität der EU liegt zwar bei weniger als 80 Prozent des US-Niveaus, doch dieser Rückstand könnte sich verringern, wenn nachhaltige Produktionsmethoden zum globalen Standard werden.

Die unterschätzte Kraft dezentraler Forschung

Europas Forschungslandschaft ist fragmentierter als die zentralisierten Systeme in den USA und China. Was wie ein Nachteil aussieht, ermöglicht aber eine Vielfalt an Ansätzen und interdisziplinäre Partnerschaften. Europa gehört neben China und den USA zu den größten Forschungsproduzenten weltweit und ist in vielen Bereichen konkurrenzfähig.

Der Harvard Technology Index zeigt zwar, dass die USA in allen Sektoren vor China und Europa liegen. Europa belegt bei KI, Biotechnologie und Quantentechnologien den dritten Platz. Doch die dezentrale Struktur ermöglicht es europäischen Forschern, flexibler auf neue Fragestellungen zu reagieren und unterschiedliche Methoden zu kombinieren. Diese Agilität wird in einer Welt, in der sich Technologietrends schnell verschieben, zunehmend wertvoll.

Fehlerkultur als Innovationstreiber

Die niedrigeren Hürden für Risikokapital in den USA fördern eine Kultur des schnellen Scheiterns und Neustartens. Europa tut sich schwerer damit, gescheiterte Unternehmer erhalten seltener eine zweite Chance. Doch diese vermeintliche Schwäche erzwingt eine andere Art der Innovation: Europäische Unternehmen müssen nachhaltiger planen und gründlicher evaluieren, bevor sie skalieren.

Diese Vorsicht führt zu weniger spektakulären Durchbrüchen, aber auch zu stabileren Geschäftsmodellen. Während US-Unternehmen etwa 85 Prozent ihrer F&E-Ausgaben in Hightech-Bereiche wie Software, Halbleiter und Biotechnologie investieren, konzentrieren sich europäische Unternehmen auf Automobile, Maschinenbau und Chemie. Diese unterschiedliche Spezialisierung erklärt einen Großteil der F&E-Lücke – ist aber kein Zeichen mangelnder Innovationskraft, sondern unterschiedlicher Prioritäten.

Zu hohe Restrukturierungskosten halten europäische Unternehmen davon ab, schnell zu innovieren. Doch diese strukturelle Trägheit zwingt auch dazu, Innovationen besser zu durchdenken. In einer Zeit, in der die Kosten gescheiterter Tech-Projekte exponentiell steigen, könnte dieser konservativere Ansatz zum Vorteil werden.

Was Europa jetzt tun muss

Die Zahlen zeigen deutlich: Europa muss deutlich mehr in F&E investieren, besonders in KI, Halbleiter, Biotechnologie und grüne Technologien. Der Ausbau lokaler Produktionskapazitäten verringert die Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Stärkere europäische Zusammenarbeit in Schlüsseltechnologien ist notwendig.

Doch diese Investitionen sollten nicht blind erfolgen. Ein differenzierter Ansatz, der ausländische Direktinvestitionen mit engen Sicherheitsbeschränkungen zulässt und gleichzeitig europäische Investitionen in sich entwickelnden Volkswirtschaften fördert, würde kurzfristig einen Wettbewerbsvorteil schaffen. Europa steckt in einem Kreislauf aus geringer Dynamik, schwachen Investitionen, wenig Innovation und niedrigem Produktivitätswachstum – doch dieser Kreislauf lässt sich durchbrechen.

Der Wert europäischer Vielfalt im globalen Wettbewerb

Während China massive Investitionen tätigt, kämpft das Land mit Herausforderungen bei der Qualität der Forschungsleistungen und akademischer Freiheit. Die USA setzen auf disruptive Innovationen, die globale Märkte verändern können, schaffen aber auch Abhängigkeiten und Monopolstrukturen. Europa bietet einen dritten Weg: Spezialisierung, Kooperation und Standards, die auf Nachhaltigkeit und gegenseitigen Abhängigkeiten basieren.

Die anhaltende Risikokapitallücke gefährdet das Wachstum zukünftiger Technologie-Champions in Europa. Doch diese Lücke lässt sich schließen, wenn Europa seine Stärken klarer kommuniziert und gezielt ausbaut. Die Fähigkeit zur interdisziplinären Spitzenforschung bleibt ein starker Wettbewerbsvorteil. Europas besondere Kompetenzen in Hightech-Fertigung und Nischentechnologien schaffen strategische Positionen, die sich nicht einfach kopieren lassen.

Wenn die vermeintliche Schwäche zur größten Stärke wird

Der globale Tech-Wettlauf wird nicht von dem gewonnen, der am schnellsten läuft, sondern von dem, der am längsten durchhält. Europas langsameres Tempo, seine regulatorische Vorsicht und seine dezentrale Struktur mögen kurzfristig wie Nachteile aussehen. Langfristig schaffen sie aber Resilienz, Stabilität und strategische Abhängigkeiten, die sich als wertvoller erweisen könnten als kurzfristige Dominanz.

Die Herausforderung besteht darin, diese Stärken zu erkennen, zu kommunizieren und gezielt auszubauen. Europa braucht keine Kopie der amerikanischen oder chinesischen Strategie. Es braucht eine eigene Strategie, die auf seinen spezifischen Stärken aufbaut. Die Zahlen mögen ernüchternd sein, doch sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Europas größte Stärke im Tech-Wettlauf ist genau das, was viele als seine größte Schwäche betrachten: seine Fähigkeit, anders zu denken, anders zu handeln und andere Prioritäten zu setzen.

Bundeszentrale für politische Bildung – EU – USA – China: Hightech, Mediumtech, Lowtech

Handelsblatt – Europa kann im Techkrieg zwischen USA und China Vorbild sein

IT-Zoom – Europa verliert Anschluss an USA und China (Arndt Heinrich)

Hans-Böckler-Stiftung – Wettbewerb der Systeme

Aufruhr Magazin – Europas digitale Strategie: Unabhängigkeit von USA und China (Katja Muñoz)

Forschung & Lehre – Harvard veröffentlicht internationalen Technologie-Index

Komor – Forschung in USA, Europa und China: Wer macht das Rennen?

LBBW – Zurück auf den High-Tech-Drive

Handelsblatt – China, USA, Japan: Der wahre Grund für Europas Innovationsrückstand

About the author

Bild von Nico Wirtz

Nico Wirtz

Der gelernte TV-Journalist hat Nachrichten und Dokumentationen gemacht, ebenso wie Talk und Entertainment für ProSieben, Kabeleins und TELE5 - am Ende ist es immer die gute Geschichte, die zählt. Emotionales Storytelling zieht sich durch sein ganzes Leben - ob als Journalist, PR- und Kommunikations-Profi, der für große Marken, wie BOGNER, L'Oréal oder Panthene an Kampagnen mitgewirkt hat, oder hier bei MARES als Chefredakteur.
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