- Deutsche Beteiligungsgesellschaften warben 2025 nur 2,83 Milliarden Euro ein – steuerliche Hürden bremsen internationales Kapital aus.
- Frankreichs Rentenfonds FRR investiert 20-25 Prozent in Private Markets und stärkt so den lokalen VC-Markt nachhaltig.
- Der geplante Deutschlandfonds könnte mit 10 Milliarden Euro staatlicher Mittel über 100 Milliarden Euro privates Kapital mobilisieren.
Deutschlands Venture-Capital-Markt steht vor einer Weichenstellung. Während andere europäische Länder institutionelle Investoren wie Rentenfonds gezielt in Wachstumsfinanzierung lenken, fehlt hierzulande die Infrastruktur dafür. Die Folge: Start-ups wandern ab, Innovationen bleiben aus, und Deutschland verliert im internationalen Wettbewerb an Boden. Bundeskanzler Friedrich Merz will den Kapitalmarkt nun ins Zentrum der Altersvorsorge rücken – eine Chance, die auch dem VC-Ökosystem neues Leben einhauchen könnte.
Warum deutsche VC-Fonds im internationalen Vergleich zurückfallen
Im ersten Halbjahr 2025 sammelten deutsche Beteiligungsgesellschaften lediglich 2,83 Milliarden Euro bei Investoren ein. Zwischen 2020 und dem dritten Quartal 2025 flossen im Jahresdurchschnitt etwa 10,4 Milliarden US-Dollar in deutsche Start-ups – Tendenz fallend. Die Zahlen des Branchenverbands BVK zeichnen ein ernüchterndes Bild: Während andere europäische Märkte wachsen, stagniert Deutschland.
Die Ursachen liegen tief im System. Steuerliche Unsicherheiten schrecken internationale Investoren ab. Die Einstufung als gewerbliche oder vermögensverwaltende Fonds bleibt oft unklar, was Planungssicherheit unmöglich macht. Deutsche Fonds genießen steuerlich deutlich weniger Vorteile als ihre Pendants in Frankreich, Großbritannien oder den Niederlanden. Die Forderung der Branche ist klar: eine einheitliche Fondsbesteuerung nach europäischem Standard. Solange diese fehlt, fließt Kapital an Deutschland vorbei – in Märkte mit klareren Spielregeln und besseren Renditeaussichten.
Merz‘ Vision: Der Kapitalmarkt als Rentenretter
Friedrich Merz positioniert den Kapitalmarkt als Schlüssel für Wachstum, Infrastruktur und Altersvorsorge. In Treffen mit Bankmanagern wie Christian Sewing von der Deutschen Bank, Bettina Orlopp von der Commerzbank und Stephan Leithner von der Deutschen Börse skizzierte der Kanzler seine Pläne. Die gesetzliche Rente soll als Basisabsicherung dienen, ergänzt durch private und betriebliche Vorsorge über den Aktienmarkt. Deutschland müsse aufholen, was in anderen Ländern längst Standard sei, betonte Merz. Bis 2039 will die Bundesregierung das Rentenniveau bei mindestens 48 Prozent des Durchschnittslohns stabilisieren. Die neu gegründete Generationenkapital-Stiftung soll bis 2035 einen Kapitalstock von 200 Milliarden Euro aufbauen und ab 2036 jährlich 10 Milliarden Euro Erträge in die Rentenversicherung einspeisen. Dieser Übergang zu einer teilweisen Kapitaldeckung markiert einen Paradigmenwechsel im deutschen Rentensystem. Eine Rentenkommission arbeitet bis Mitte 2026 an konkreten Umsetzungsvorschlägen.
Was Deutschland von Frankreichs Rentenfonds lernen kann
Frankreichs Fonds de Réserve pour les Retraites zeigt, wie es funktionieren kann. Der FRR allokiert rund 20 bis 25 Prozent seines Portfolios in Private Markets – darunter Venture Capital und Private Equity. Diese strategische Ausrichtung stärkt nicht nur die Rendite des Fonds, sondern auch den lokalen Kapitalmarkt. Französische Start-ups profitieren von einem verlässlichen institutionellen Investor, der langfristig denkt und nicht bei der ersten Krise aussteigt.
Deutschland fehlt ein vergleichbares Modell. Das Umlagesystem dominiert, kapitalgedeckte Elemente spielen kaum eine Rolle. Institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen sind durch strenge Regulierung und Bürokratie eingeschränkt. Die ZEW-Studie zu den Auswirkungen der Rentenreform auf den VC-Markt analysiert, wie zusätzliche Mittel von Kreditinstituten, Versicherungen und Kapitalanlagegesellschaften in Venture Capital fließen könnten. Die Rolle zukünftiger Pensionsfonds wird dabei als entscheidend eingeschätzt. Schweden zeigt ebenfalls, dass kapitalgedeckte Modelle höhere Renditen erzielen können – und gleichzeitig das Innovationsökosystem stärken.
Deutschlandfonds: Hebel für privates Kapital oder Ankündigungspolitik
Der geplante Deutschlandfonds soll 10 Milliarden Euro Eigenmittel des Bundes mobilisieren – in Form von Garantien und Transaktionen. Damit will die Regierung mindestens 100 bis 130 Milliarden Euro privates Kapital für Mittelstand und Scale-ups hebeln. Der Start ist für 2026 mit dem Wachstumsfonds II geplant, an dem sich die Deutsche Bank und die Commerzbank beteiligen. Die Idee klingt ambitioniert, doch die Branche bleibt skeptisch.
Die Kritik lautet: weniger Ankündigungen, mehr Umsetzung. Die WIN-Initiative, steuerliche Anreize und bessere Rahmenbedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen werden seit Jahren diskutiert – passiert ist wenig. Ein Branchenvertreter bringt es auf den Punkt: „Was wir brauchen, ist weniger Ankündigungspolitik und mehr konsequente Umsetzung.“ Parallel dazu plant die Bundesregierung ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für Modernisierung – 100 Milliarden aus dem Klima- und Transformationsfonds, 100 Milliarden von Ländern und Kommunen, 300 Milliarden vom Bund. Die Mittel sollen in Straße, Schiene, Digitalisierung und Energie fließen. Ob davon auch das VC-Ökosystem profitiert, bleibt offen.
Private Altersvorsorge neu gedacht: Das Altersvorsorgedepot
Neben der staatlichen Aktienrente reformiert die Bundesregierung die private Altersvorsorge. Das neue Altersvorsorgedepot setzt auf Aktienrenditen ohne Garantien – ein Gegenentwurf zur gescheiterten Riester-Rente. Als Standardprodukt soll es maximal 1,5 Prozent Kosten verursachen und damit deutlich günstiger sein als bisherige Modelle. Die Idee: Anleger sollen langfristig vom Kapitalmarktwachstum profitieren, ohne durch hohe Gebühren ausgebremst zu werden. Für den VC-Markt könnte das indirekt positive Effekte haben. Wenn mehr privates Kapital in Aktienfonds fließt, steigt auch die Nachfrage nach Wachstumsinvestments. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Deutschen ihre traditionelle Skepsis gegenüber Aktien überwinden. Ohne breite Akzeptanz verpufft die Reform wirkungslos.
Steuerliche Hürden und bürokratische Bremsen beseitigen
Institutionelle Investoren fordern seit Jahren klarere Spielregeln. Die steuerliche Gleichstellung mit internationalen Fondsstrukturen steht ganz oben auf der Wunschliste. Pensionsfonds wie der französische FRR könnten auch in Deutschland VC-Investments heben – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Derzeit verhindert die Bürokratie, dass große Kapitalsammelstellen wie Versicherungen oder Pensionskassen signifikant in Venture Capital investieren. Anlagerestriktionen, komplizierte Genehmigungsverfahren und unklare steuerliche Behandlung machen es den Entscheidern schwer, sich für VC zu entscheiden. Die ZEW-Studie zeigt, dass selbst kleine Anpassungen große Wirkung entfalten könnten. Wenn nur ein Bruchteil der institutionellen Gelder in Richtung VC fließt, würde das den Markt spürbar beleben. Die Frage ist: Wann kommt die Politik ins Handeln?
Kritische Stimmen: Risiken staatlicher Kapitalmarktbeteiligung
Nicht alle teilen die Begeisterung für die Aktienrente. Die AfD lehnt die „Spekulation“ mit Rentenmitteln am Aktienmarkt ab und favorisiert das österreichische Modell einer Rentenkasse mit 53 Prozent Leistungsniveau. Kritiker warnen vor politischer Einflussnahme auf staatliche Fonds und befürchten niedrige Renditen durch konservative Anlagestrategien. Die CDU hingegen will die private Vorsorge stärker auf den Kapitalmarkt ausrichten und sieht darin einen Wachstumsmotor für die gesamte Wirtschaft. Die Debatte zeigt: Der Umbau der Altersvorsorge ist auch eine Frage der politischen Grundüberzeugung. Für den VC-Markt wäre es jedoch fatal, wenn die Reform an ideologischen Grabenkämpfen scheitert. Die Chance, Deutschland als Innovationsstandort zu stärken, kommt so schnell nicht wieder.
Künstliche Intelligenz als Katalysator für Private Equity und VC
Die Branche sieht Künstliche Intelligenz als größten Einflussfaktor für Private Equity und Venture Capital im Jahr 2026. Start-ups, die KI-Lösungen entwickeln, ziehen bereits jetzt überproportional viel Kapital an. Doch auch etablierte Fonds nutzen KI, um bessere Investment-Entscheidungen zu treffen, Portfoliounternehmen zu optimieren und Risiken früher zu erkennen. Wenn Deutschland den Anschluss halten will, braucht es nicht nur mehr Kapital, sondern auch die richtigen Rahmenbedingungen für technologiegetriebene Geschäftsmodelle. Die Kombination aus Rentenreform, Deutschlandfonds und steuerlichen Anreizen könnte die Basis dafür schaffen – vorausgesetzt, die Umsetzung erfolgt zügig und konsequent.
Zeit für Taten statt Absichtserklärungen
Deutschlands VC-Markt braucht keine weiteren Absichtserklärungen, sondern konkrete Maßnahmen. Die Rentenreform bietet die historische Chance, institutionelle Investoren wie Rentenfonds nach französischem Vorbild in den Markt zu bringen. Dafür müssen steuerliche Hürden fallen, Bürokratie abgebaut und Anlagerestriktionen gelockert werden. Der Deutschlandfonds kann als Hebel funktionieren, wenn er nicht in politischen Mühlen zerrieben wird. Die Zeit drängt: Während Deutschland diskutiert, investieren andere Länder längst. Wer jetzt nicht handelt, riskiert, dass die nächste Generation von Weltmarktführern anderswo entsteht – nur nicht hier.
vc-magazin.de – 2026 – Schicksalsjahr für Innovation und Wachstum
sueddeutsche.de – Merz setzt für Rentenreform auf Kapitalmarkt und Aktien
zew.de – Die Auswirkungen der Rentenreform auf den Venture Capital-Markt in Deutschland
cash-online.de – Rentenreform: Merz sieht Kapitalmarkt als Schlüssel
manager-magazin.de – Reformen in Deutschland 2026: Die entscheidenden Hebel umlegen
dasinvestment.com – Rentenreform: Kapitalmarkt statt Umlageverfahren
deutschlandfunk.de – Rentenpaket II – Wie die Regierung mit Aktien die Rente stärken will
bakertilly.de – Deutschlandfonds startet: Impuls für Investitionen
bundestag.de – Bundesregierung will Aktienrente einführen
zdfheute.de – Reform privater Altersvorsorge: Aktien statt Riester-Rente
cdu.de – Deutschland auf Kurs: Wirtschaft, Rente und Technologie
dpn-online.com – Venture-Capital-Wrapped: So lief das Jahr für die deutsche Start-up-Szene
handelsblatt.com – Milliarden für deutsche Start-up-Szene dürften erst 2026 kommen